„Zeiträume.“

Dr. Norbert Hilbig:

Circa 400 Verlage – so hab’ ich gelesen – geben in Deutschland monatlich an die 9.000 Zeitschriften heraus. Die Anzahl der Fotos, die zu sehen wären, wenn einer sich in diesem Markt oder auch nur in einem Marktsegment bewegte und wenn man alle Kataloge dazu noch addieren würde, dürfte astronomisch sein.

Seit in dieser Zeit nun auch noch jede und jeder einen Fotoapparat besitzt, wird pausenlos und gnadenlos alles und jedes fotografiert, was seinem Besitzer vor die Linse kommt. Nie wurde so viel fotografiert, nie so viel Fotografiertes gezeigt. Wir sind überflutet von Bildern, wir ertrinken in Bildern – guten und schlechten. Es gibt offenbar ein unstillbares Bedürfnis, alles Gesehene und Erlebte zu konservieren, festzuhalten, sich selbst und anderen verfügbar zu machen. Die fotografische Dokumentation von Lebensgeschichten heute ist lückenlos. Manchmal lädt mich einer ein, Fotos anzusehen. Solche Events sind vielfach Geiselnahmen, man wird gezwungen, stundenlang Bilder auf Bildschirmen oder Leinwänden anzusehen und Kommentierungen anzuhören; das ist entsetzlich, und ich meide solche Veranstaltungen wo es nur irgend geht. Na klar, für die Akteure und Teilnehmer solcher Fotogalerien mag das interessant sein, aber was interessieren mich die fotografierten Wohnräume fremder Menschen, die fotografierten Strandabschnitte, die andere abgelaufen sind, was interessieren mich die Babyfotos von Simone, die Sonnenuntergänge von Bettina? Das sind ihre, ich brauche meine eigenen Sonnenuntergänge.

Jede und jeder also fotografiert heute. Und es ist gerade so, als ob man alle Bilder schon kenne, alle alten und alle neuen, eigentlich sind gar keine neuen Bilder mehr möglich, weil jedes in irgend einer Weise schon in unserem Bildergedächtnis gespeichert scheint. Fotografien sind folglich meistens langweilig. Und dann passiert es, dass wir doch überrascht werden, dass etwas ganz Anderes, etwas nie zuvor Gesehenes vorscheint, wir halten inne und sehen tatsächlich etwas, was wir zuvor nie gesehen haben.

Wir sehen Bilder, die gar keine Bilder sind. Wir finden die Dinge des Lebens nicht dokumentiert, wir werden von den Dingen irritiert. Wir werden in Geschichten hineingezogen, von denen die Bilder erzählen und die sie uns zugleich verschweigen. Was ist passiert?

Wir haben Inge Thumm kennen gelernt. Eine feingliedrige Künstlerin, die in Braunschweig studiert hat und in Hildesheim lebt – ihr Atelier hat sie hier im Stammelbachspeicher. Das facettenreiche novellistische Raffinement ihrer Bildcollagen baut eine Spannung auf die lange anhält, bevor sie zerreißt. Was macht Inge Thumm?

Aus ungezählten Zeitschriften, Katalogen und Kalenderblättern wählt sie Seiten und Seitenausschnitte aus – die bilden gleichsam den Rohstoff ihrer Bilder. Sie montiert nun Gleiches und Ungleiches, sie möbliert die vertrauten Räume neu, verrückt die Dinge, stellt sie um. Man sieht genau hin und weiß nicht, was ursprünglich wozu und wohin gehört. Und wir werden gewahr, dass Inge Thumm neue Wirklichkeiten inszeniert, hat. Nichts ist, was es einmal war. Verbundenes finden wir zertrennt, Getrenntes finden wir in neuen Zusammenhängen neu verbunden. In ihren Arrangements entstehen neue, gänzlich unbekannte Wirklichkeiten, deren Versatzstücke uns doch so vertraut scheinen. Das macht die Irritation. Als hätte einer Szenen aus verschiedenen Filmen zusammen geschnitten und einen neuen Film daraus gemacht. Wir kennen alle Akteure und sind vertraut mit den Handlungsverläufen, aber eben nicht in diesem neuen Zusammenschnitt. Wir glauben Bescheid zu wissen und sehen uns verwirrt. Da erscheinen Lee Marvin am Fenster vor dem Badezimmer einer dahin träumenden Frau und ein Känguru im Esszimmer. Vorhänge wehen geheimnisvoll vor geöffneten Türen, Landschaften und allerlei Getier schieben sich geheimnisvoll in Schlafzimmer hinein, Hände greifen nach Körpern oder sind untätig abgelegt auf Bettdecken, unter denen Tiger lauern können – und man weiß nie, in welchem Film man ist. Wie man oft ja auch nicht weiß, in welchem Plot seines Lebens man gerade umgetrieben wird. Weil man doch immer in so vielen Szenen und Rollen zugleich sich bewegt. Und während man in der einen festhängt, träumt man von einer anderen – ganz so wie die Frau in der Badewanne von Lee Marvin. Und weil man ja auch nicht weiß, welches Bild von einem selbst irgendwo gerade Gültigkeit hat. Paul sieht mich vielleicht negativer als ich mich selbst sehe, und Herbert schreibt mir vielleicht Dinge zu, die – wie ich meine – gar nichts mit mir zu tun haben. Und trotzdem existiert diese Zuschreibung. Irgendwie sind unsere Leben tatsächlich auch höchst komplexe Collagen, die zu einem einzigen Bild sich zusammenfügen, das genau betrachtet gar nicht stimmt.

Das alles ist von Inge Thumm so gekonnt, so spielerisch und vielfach ironisierend in Szene gesetzt, dass es ein Vergnügen ist, durch diese Ausstellung zu gehen. Und eine ästhetische Herausforderung zudem, denn man will natürlich herausfinden, was denn nun montiert und dann neu fotografiert ist, und was an Zutaten den Bildern noch zugefügt wurde, und wie die Irritationen entstehen, man will die Klebespuren finden und die Knicke der Zeitschriftenblätter und die Spuren, die die Schere hinterließ. In der Collage ist ja die Trennung der einzelnen Bilder vielfach sichtbar, in der Fotografie nicht unbedingt. Hier gibt es geheimnisvolle Unschärfen und dann wieder große Klarheit. Manchmal dann erscheinen Höhenunterschiede dadurch, das ein Blatt aufs andere gelegt nicht plan auflag, Schatten entstanden – aber man ist nicht sicher, ob sie nicht dem Bild selbst zuzählten, als es noch unbearbeitet sein ödes Dasein fristete. Und man ist nicht sicher, in welche Welt James Bond entführt wurde, auf jeden Fall in eine andere.

Es ist Inge Thumm eine grandiose Bilderwelt gelungen, in der sie sich aus dem Fotografiendschungel Spielzeug entnahm und Raum und Zeit verwirrte. Es ist Inge Thumm eine ästhetische Verwandlung von Fotomaterial gelungen, in der die Dinge des Lebens sich neu erzählen. Es ist Inge Thumm gelungen, durch ästhetische Eingriffe aus Allerweltsfotografien Kunst zu generieren.